Eine Nation auf Sandsäcken gebaut

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NPD ruft zu Spenden für Flutopfer aufDas Hochwasser ist wieder da und lässt die feuchtesten Träume aller Ingenieure des neuen deutschen Nationalbewusstseins wahr werden. Zwar sind Flutkatastrophen nichts Neues, besonders nicht an der Elbe, aber diese neue Flut überspült nicht nur brandenburgische Dörfer mit Schlamm, sondern treibt auch die Mühlen der deutschnationalen Ideologie-Produktion an, in einer bis dato recht exotischen Stoßrichtung: dem Katastrophen-Nationalismus. Das Volk vereint in unverbrüchlicher Solidarität, wenn auch nur gegen die Gewalten der Natur, ist der willkommene Anlass um da Gemeinschaftsgefühl zu simulieren, wo es sonst schmerzlich vermisst wird.

Ober-Ingenieur deutscher Identitätsfindung ist von Amts wegen Bundespräsident Joachim Gauck. Mit der Feststellung, die Hochwasserbekämpfung „kann nur eine nationale Aufgabe sein“ (nicht etwa Bundes- oder bundesweite Aufgabe) stellt er eine steile These auf: „Deutschland ist ein solidarisches Land.“

Natürlich ist nichts falsch daran beim Sandsäcke auftürmen zu helfen und bei strömenden Regen durchgeweichte Dämme abzulatschen, um die gröbsten Sachschäden und gegebenenfalls auch Tote zu verhindern, im Gegensatz zu vergleichbaren Ereignissen der Vergangenheit fließt dieses mal jedoch der bei Fußball-WM und Krisengewinnlertum gewonnene Patriotismus in einem unerträglichem Maße in die Motivation der Sandsackschlepper*innen und die Berichterstattung der Medien ein.
Natürlich gehört die Suche nach Sündenböcken in Katastrophenzeiten zum guten Ton, die Schärfe und Sensibilität mit der Medien, Politik und Öffentlichkeit nach den Volksfeinden fahndet ist jedoch außergewöhnlich. Auf der Bezirksversammlung im sächsischen Flöha/Niederwiesa ruft der CDU-Stadtrat Hans Nagel mit den Worten „Normalerweise müsste man ihn erschlagen“ zur Hatz auf den Umweltschützer Tobias Mehnert auf, dem er die Verzögerung eines Deichbaus anlastet, sein Kollege Peter Richter erwägt, wer alles verklagt werden kann und im sächsischen Zschopau wagt sich ein Ehepaar nach Drohungen, „abgestochen“ zu werden, nicht mehr aus dem Haus, seitdem die Dorfgemeinschaft ihm die Flutschäden durch die vermeintliche Verzögerung eines Deichbaus vorwirft.

Für die Zustände wenige Kilometer hinter der Grenze interessiert sich üblicherweise niemand, abgesehen von argwöhnischen Blicken auf die Notablassungen tschechischer Stauseen.

Das Potential des unerhofften Katastrophenglücks hat erstaunlicherweise auch die NPD und ihre Jugendorganisation begriffen, die sich den nationalen Trends üblicherweise eher missmutig entziehen um schmollend auf der eigenen Avantgarde-Position in Sachen Patriotismus zu bestehen.
So mobilisiert die NPD Partei- und Jugendkader in „Nationaler Solidarität“ an die Deiche, nicht als perfide Strategie zum Missbrauch der Situation, sondern, weil es nahtlos an den Geist der Katastrophenhilfe anschließt. In den Fluten erfolgt die nationale Aussöhnung über Parteiengrenzen hinweg, als der Magdeburger Bürgermeister Lutz Trümper (SPD) dem JN-Bundesvorsitzenden Andy Knape dankbar die Hand schüttelt. Lutz Trümper schüttelt Andy Knape die Hand
Den größten Aufschluss über den Charakter der Katastrophen-Solidarität geben die Reaktionen auf alles, was aus der nationalen Reihe springt.

Antiostdeutschtum Der verlässlichste Bremsklotz am Vehikel des Nationalismus ist der innerdeutsche Hass zwischen Ossis und Wessis. Entsprechend eignet sich die typische Ossi- oder Wessi-Feindlichkeit als brauchbarer Barometer für den Stand der völkischen Einheit. Als die Münchnerin Silke S. auf ihrem Facebook-Account eine sozialchauvinistische Tirade gegen die Ossis abliefert eskaliert die Situation. Tausende teilen den Kommentar auf Facebook und ein Sturzbach aus Gewaltandrohungen, Morddrohungen und Vergewaltigungsfantasien ergießt sich in den sozialen Netzwerken. Eine Äußerung, wie sie an westdeutschen Stammtischen üblicherweise wohl eher zum Standardrepertoire gehört, wird in Zeiten der nationalen Krise zum Hochverrat.

Für beispiellose Empörung konnte auch die „germanophobe Flut-Brigade“ sorgen. Ein Plädoyer für das Einreissen von Hochwasser-Schutzvorrichtugnen auf indymedia ruft Medien, Politiker und den Internet-Mob auf den Plan. In nationaler Abwehrhaltung wird das wirre „Bekennerschreiben“ für bare Münze genommen, der anhaltinische Innenminister Holger Stahlknecht fährt Polizei-Patroullien und Luftüberwachung auf und auf Facebook und Twitter überbieten sich die Deich-Rächer gegenseitig in ihren sadistischen Fantasien gegen Linke.
Auch wenn die tatsächliche Sabotage von Hochwasserschutzmaßnahmen natürlich nichts emanzipatorisches an sich hat, funktioniert die öffentlichkeitswirksame Androhung hervorragend als Haar in der Suppe der Nationalen Solidarität.

Linke Chaoten fluten Dresden