Märchenstunde auf Indymedia

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Am vergangenen Sonntag wurde auf dem linksalternativen Nachrichtenportal Indymedia ein Text mit dem Titel Keine Definitionsmacht für Niemand veröffentlich. Darin wird mit den altbekannten Argumenten mit dem Definitionsmachtkonzept abgerechnet.

Natürlich sind Anfeindungen gegen feministische Konzepte, die anonym auf offenen Internetplattformen veröffentlich werden, keine besondere Aufmerksamkeit wert. In diesem Fall wird dieser antifeministische Angriff jedoch nicht wie üblich kontrovers umstritten, verrissen oder gar von den linken Administrator*innen entfernt – er stößt vielmehr auf breite Zustimmung. In den Kommentaren wird begeistert Erleichterung über den vermeintlichen Tabubruch ausgedrückt. Da es sich bei linksunten.indymedia um die emanzipatorischere Seite des deutschsprachigen Indymedia-Projekts handelt, welches für große Teile der autonomen Linksradikalen ein wichtiges Diskussions- und Meinungsbildungsmedium darstellt, spiegelt sich darin ein Backlash wieder, der in der radikalen Linken einen festen Nährboden hat.

Aus diesem Grund wird im Folgenden der Artikel und die dahinterstehenden Motivationen auseinander genommen.

Das Definitionsmachtkonzept beschreibt einen bestimmten Umgang mit Vorfällen sexualisierter Gewalt, das in linken und feministischen Zusammenhängen Anwendung findet und ist ein Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Rape Culture.

Rape Culture

Teil dieser Rape Culture (Vergewaltigungskultur) ist der gesellschaftlich übliche Umgang mit Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt: Frauen die sexualisierte Gewalt, die sie erfahren mussten, öffentlich machen, etwa indem sie den Täter öffentlich beschuldigen oder anzeigen, haben meistens mit einem entwürdigenden und retraumatisierenden Prozess konfrontiert in denen ihnen vorgeworfen wird:
a) den Übergriff frei erfunden oder zumindest grob übertrieben zu haben,
b) es doch eigentlich auch gewollt und genossen zu haben und/oder
c) missverständliche Signale ausgesendet zu haben, etwa in dem sie sich aufreizend angezogen hätten.
Doch nach der (unsicheren) Anerkennung des Vorfalls setzt sich die Rape Culture fort in dem ihnen weiter vorgeworden wird:
d) das Leben und die Karriere ihrer Vergewaltiger zu zerstören und
e) die Integrität der Gemeinschaft zu zersetzen.
In besonders patriarchalen Zusammenhängen müssen Betroffene sexualisierter Gewalt noch damit rechnen, dass ihnen vorgeworfen wird:
f) ihre Ehre und die Ehre der Familie oder Gemeinschaft zerstört zu haben, in dem sie den Übergriff „zugelassen“ haben.

Bei keinem anderen Kriminialitätsvorwurf müssen Betroffene damit rechnen, dass ihnen derartige Vorwürfe gemacht werden. Der Grund dafür liegt in der patriarchalen Verfasstheit der Gesellschaft, in der Frauen tendenziell zu Verfügungsobjekten von Männern gemacht werden und jede Skandalisierung sexualisierter Gewalt instinktiv als Angriff gegen den eigenen Lebenswandel aufgefasst werden kann. Feminist*innen gehen davon aus, dass sexualisierte Gewalt eine tragende Säule des Patriarchats darstellt, Frauen ihren (niedrigen) Platz in der Gesellschaft zuweist und männliche Dominanz bereits in kleinen Andeutungen von Vergewaltigungen (etwa in Vergewaltigungswitzen) zur Geltung bringt.

Die Konsequenzen der Rape Culture sind, dass Frauen sexualisierte Gewalt nicht anzeigen oder thematisieren, sich selbst die Schuld an den Vorfällen geben, erschreckend niedrige Aufklärungsquoten und im Zuge des Prozesses die Retraumatisierung und massive Verleumdung der Betroffenen.

Prominente junge Beispiele für Rape Culture waren der gesellschaftliche Umgang mit den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Strauß-Kahn und Kachelmann, sowie den Übergriffigkeiten von Rainer Brüderle.

Definitionsmacht

Zurück zum Definitionsmachtkonzept: Bei sexualisierter Gewalt und Übergriffen geht es um persönliche Grenzen die verletzt werden. Darum gibt es auch um persönliche Grenzverletzungen. Das Definitionsmachtkonzept respektiert die individuelle Verortung persönlicher Grenzen und gesteht darum der Betroffenen und niemand anderem die Hoheit darüber zu entscheiden zu, ob eine Grenzverletzung vorlag oder ob nicht.
In der Konsequenz wird Betroffenen sexualisierter Gewalt vorbehaltlos geglaubt und sie dementsprechend unterstützt.
Ziel des Definitionsmachtkonzept ist es meist, der Betroffenen nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen einen Freiraum zu schaffen. Der Ausschluss von Tätern aus den Lebenskontexten der Betroffenen kann dafür ein Mittel sein.

Antifeminismus und Rape Culture auf Indymedia

Natürlich gibt es kritikwürdige Vorgänge, die im Namen des Definitionsmachtkonzepts umgesetzt werden. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen von dem Begriff und der Umsetzung des Konzepts, welche im feministischen Kontext diskutiert werden – von einem Konsens ist die emanzipatorische Debatte noch weit entfernt. Das Konzept ist missbrauchsanfällig und schwer an Außenstehende vermittelbar und das Lippenbekenntnis zur Definitionsmacht wird gerne als einfaches Aushängeschild für feministisches Bewusstsein gebraucht.
Das alles soll im Folgenden jedoch nicht Thema sein, denn der Artikel „Keine Definitionsmacht für Niemand“ ist als antifeministisch geleiteter Generalangriff auf die Definitionsmacht am wenigsten als Anlass geeignet für eine produktive Diskussion um die verschiedenen Definitionsmacht-Konzepte.

Der Artikel setzt sich aus einer zusammenhanglosen Skizzierung der linken Szene, zwei Märchen und einem Schlussfazit zusammen. Das Bild, das von ‚dem Linken‘ gezeichnet wird, versteht sich wahrscheinlich als humoristische Einleitung, die die Distanz des Autors zu dieser Szene belegen soll:

Antifas, Autonomen, Feministen […]: Sie lieben ihren Lifestyle mit einer Mischung aus Genuss und weltschmerzelnder Tragik. Sie haben ihren hauptsächlichen sozialen Bezugsrahmen im lokalen [alternativen Zentrum]. Sie entstammen meist der Mittelschicht und haben entsprechend gute Anbindung an die hiesigen Bildungsinstitutionen. Sie sprechen fließendes Deutsch. Sie sind so gut wie nie Ausländer, eigentlich niemals „dunkelhäutig“. Eine erschreckend große Anzahl hat psychische Probleme. Sie neigen zu starren politischen Dichotomien, weitgehend unbeweglichen weltanschaulichen Glaubenssystemen: Sie halten ihre Unnachgiebigkeit für Radikalität, ihre Unverständlichkeit für Differenziertheit und ihre Aggressionsbereitschaft für Plausibilität.

Irgendein inhaltlicher Zusammenhang zum Thema lässt sich nicht erkennen. Bemerkenswert ist hier lediglich, dass der Text diffus Critical Whitness (Kritisches Weißsein, eine kürlich wiederentdeckte antirassistische Kritik) attackiert – welches er mit Definitionsmacht assoziiert, es aber gleichzeitig fertig bringt seiner Projektion der linken Szene ihre Hautfarbe und Herkunft vorzuwerfen.

Das erste Märchen dreht sich um Schutz-Crews auf linken Veranstaltungen, die vermeintlich willkürlich Besucher verprügeln und rauswerfen, die den Szenecode nicht entsprechen und von den erwarteten Verhalten geringfügig abweichen. Die Schilderung fällt denkbar dramatisch aus:

…fast immer umringt von drei, vier, fünf, zehn oder gar zwanzig (meist männlichen) Sympathisanten, die auf „ihr Zeichen“ warten. Ihre Kontrahenten reagieren auf die Bedrohungssituation naturgemäß mit Panik, Hilflosigkeit, Trotz oder Angriff. In jedem Fall: Wenn sie nicht einsehen, dann sind sie dran. Dann wird es plötzlich lauter. Einer der Rundumstehenden hat mittlerweile die Quarzsandhandschuhe angezogen und schubst den Delinquenten. Wenn der sich jetzt wehrt, hat er verloren. Dann rasselt es Schläge, Tritte, womöglich zückt einer einen Teleskopschlagstock oder sprüht ein besonders starkes Pfeffergel, das er sich aus den USA1 bestellt hat. Man verfrachtet den Malträtierten auf die Straße, wo er sich alleine oder mit Hilfe seiner leicht verletzten Begleiter zur nächstgelegenen Haltestelle schleppt.

Das vemeintliche Fehlverhalten der Opfer erschöpft sich laut Artikel in: „Abweichungen“, „ein falsches Wort“ und „verräterische Körpersprache“ und mangelnde Einsicht, sich falsch verhalten zu haben. Was hier als so denkbar harmlos beschrieben wird, dass die Schilderung der Reaktion äußerst unglaubwürdig wird, meint eigentlich: aggressives, aufdringliches Verhalten, mit dem enorm Raum eingenommen und andere Veranstaltungsteilnehmer*innen eingeschränkt und eingeschüchtert werden und die trotzige männlich-patriarchale Selbstgewissheit mit der jedes Problembewusstsein über das eigene dominante Auftreten negiert wird. Das falsche Vokabular dreht sich um sexistische und rassistische Beleidigungen.
Ziel des ersten Märchens ist es aggressives, männlich-dominantes Verhalten zu verharmlosen und Interventionen gegen derart raum-stehlendes Auftreten als Wichtigtuerei und Rackettum zu diffamieren.

Das zweite Märchen dreht sich um Awareness-Arbeit in linken Zusammenhängen und zeichnet die herzerweichende fiktive Geschichte um Matthias (23) und Annika (20). Die Erzählung versucht nicht den Anschein zu erwecken auf einer realen Begebenheit zu beruhen, sondern wird als allgemeingültiges Musterbeipiel aufgebaut. Entsprechend richtet sich die Kritik des Artikels nicht gegen die konkreten Vorkommnisse in dieser Geschichte, sondern gegen die Definitionsmacht im ganz Allgemeinen.
Matthias wird ein „rebellisches Image“ zugeschrieben, dem Frauen, trotz ihrer emanzipatorischen Grundsätze nunmal leicht verfallen. Annika wird als hilfloses Mädchen eingeführt, die in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen in Beziehungen gemacht hat und keine Chance hat in den linksradikalen Diskursen durchzublicken oder sich Gehör zu verschaffen. Beide lernen sich auf einer Party kennen, landen im Bett, beginnen aber keine lange Beziehung.

Nach diesem friedlichen Einstieg, ist es Zeit für die Bösen auf die Bühne zu treten:

Annika zieht sich ebenfalls zurück und verbringt wieder mehr Zeit im TransLesbenFrauen-Café. Dort berichtet sie ihren Freunden von der Geschichte. Je mehr sie ins Detail geht, desto entsetzter reagieren ihre engsten Vertrauten: Ob sie das nicht „komisch“ fände, wenn er sie einfach so schlägt, ohne zu fragen? Das wäre ja schon okay, wenn man das ausgemacht hätte, aber einfach so? Wie sie sich denn die Zeit danach so gefühlt habe, will ihre beste Freundin wissen. Annika denkt nach und kommt zum Schluss: Nicht so sehr gut. Matthias wäre regelrecht kaltherzig gewesen und beim Sex auch nicht gerade rücksichtsvoll. Annikas Freundin guckt sie mit einer Mischung aus Mitleid und Verständnis an: Es sei jetzt „ganz wichtig“, dass sie „gut auf sich hört.“ Annikas Kopf pulsiert. Auf dem Weg nach Hause drängen sich die Argumente immer klarer auf: Matthias hat sie vergewaltigt.

Wer sich bereits gewundert hat, warum Annika nicht als männerhassende Feministin gezeichnet wurde, erfährt hier den Grund: Annika ist das leicht zu manipulierende Opfer prüder und verbiesterter FLT*-Aktivist*innen, die ihr kurzerhand die Vergewaltigung einreden und die harmlosen Popoklappser zur Gewalt verklären. Die Botschaft die sich dahinter bereits versteckt ist: Frauen sind unfähig Sex von sexualisierter Gewalt, die ihnen angetan wird zu unterscheiden.
Diese Verkomplizierung des Märchen (auch wenn sie nicht unbedingt vom klassischen Disney-Märchendesign abweicht) spielt eine essentielle Rolle: Schließlich muss die Geschichte ja nicht nur nachweisen welche schrecklichen Folgen die Definitionsmacht für Männer hat, sondern auch wie sehr Betroffene darunter leiden. Und so kommt es auch, Annika geht den teuflichen Pakt mit der Definitionsmacht ein und setzt eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang: ‚Außer der Kontrolle‘ von Annika starten die Feministinnen eine Hatz auf Matthias, zerstören Freundschaften, sozialen Zusammenhänge und seine politische Arbeit. Annika wird auf einmal von allen „komisch angeguckt“ und traut sich nicht mehr vor die Tür, bevor sie aus Reue und Verwirrung resigniert und sich in ihr Privatleben zurückzieht.
Warum aber ein Konzept, dass explizit ausschließlich den Willen und die Bedürfnisse von Annika in einem Kontrollverlust resultieren kann, oder sogar muss, kann die ‚Kritik‘ nicht erklären.

Die Geschichte resümmiert:

Annika geht es schlecht. Matthias geht es auch schlecht. Eigentlich geht es niemandem gut. Höchstens den Leuten, für die Definitionsmacht einen Großteil ihrer politischen Identität ausmacht.

Die eigentlichen Nutznießer sind also die Unterstützer*innen, die sich aus purem Egoismus um Identität bereichern – auf Kosten argloser und unschuldiger Individuen. Aber wie bei jedem guten Märchen wartet am Ende doch noch die Rechnung auf die Bösewichte:

Das bisherige Gefühl der politischen und ethischen Auserwähltheit weicht einer vollständigen Frustration. Und auf diese Frustration folgt die nächste Welle von Aggression. Gut geht es den überzeugten „Defma“-Vertretern also auch nicht. Sie klammern sich lediglich daran, dass ihre politische Lieblingsstrategie angeblich irgendwo im Universum die Ergebnisse bringt, die sie sich davon versprechen. Und weil das theoretisch so sein müsste, wollen sie nicht wahrhaben, dass das eigentlich niemals der Fall ist.

Antifeminismus

Frauen sind also nicht in der Lage selbst einzuschätzen wann sie Opfer einer Grenzüberschreitung wurden. Stattdessen sind sie leicht manipulierbare Wesen und daher paternalistisch vor Rechten wie dem Recht auf Definitionshoheit zu beschützen. Die Erzählung von der arglosen, manipulierten Frau ist ein antifeministischer Klassiker der bis zur Suffragetten-Bewegung zurückreicht. Antifeministen sind so in der Lage die Massenwirksamkeit feministischer Forderung in manipulativen Charakteren (Mannsweiber, Männerhasserinnen) zu verorten. Das befähigt Antifeministen dazu gleichzeitig die Relevanz der Forderungen zu ignorieren und die politische Persönlichkeit von Frauen nicht ernst nehmen zu müssen.
Gleichzeitig wird jede Form von FLT*-Selbstorganisierung und weiblicher Schutzräume diffamiert und das auf perfide Weise:

Im schlimmsten Fall distanzieren sich die fremdernannten „Opfer“ von allen Vertretern der „Täterperspektive“ und versinken in der kleinen Sub-Subkultur der Definitionsmacht-Hardliner.

Wer hier verharmlosend mit „Vertretern der Täterperspektive“ beschrieben wird, sind Täterschützer, also Unbeteiligte, die den Täter in Schutz nehmen, die Vorwürfe abstreiten, der Betroffenen Lügen und ÜBertreibungen oder eine verquere Wahrnehmung unterstellen und das häufig in aggresiver Weise. Der Bruch mit dem Umfeld aus Täterschützern und der Rückzug in awarere Zusammenhänge ist tatsächlich ein bekanntes Phänomen. Dieses Phänomen wird hier aber nicht dem patriarchalen Verhalten der Täterschützer, sondern den Schutzzusammenhängen angekreidet um schließlich:

Jeder, der schon mal einen Blick in einen gähnend leeren TransLesbenFrauen-Schlafraum geworfen hat, kann sich denken, dass das kein schönes Leben ist.

mit einer realisitätsfremden Diffamierung von Schutzräumen ungewollt den trostlosen Zustand des Patriarchats zu belegen: Denn wenn sich also Frauen in solch traurige Räume zurückziehen müssen, wie sehen dann erst die ungeschützten Räume aus, aus denen sie flüchten?

Rape Culture

Die These, dass Männer ständig Opfer von Falschbeschuldigungen werden ist ein Renner im Rape-Culture-Diskurs, bei dem 3% etwa schnell mal zu einem „Massenphänomen“ werden.
Am bezeichnendsten für die „Kritik“ des Artikels an der Definitionsmacht ist, dass als representatives Fallbeispiel ein Fall gewählt wurde, in dem es vermeintlich überhaupt keinen Übergriff gab. Wie Definitionsmacht in einem Fall tatsächlicher Grenzüberschreitung funktioniert ist für die Verfasser augenscheinlich vollkommen uninteressant. Dass Definitionsmacht aber eben genau für solche Fälle geschaffen wurde, um die Hemmschwelle für Frauen zu senken sexualisierte Gewalt zu thematisieren, indem Schutz und Anonymität und eine erfolgreiche Berücksichtigung ihrer eigenen Bedürfnisse sichergestellt werden, blendet diese „Kritik“ schlicht aus.
Da der Artikel keinerlei Alternative zum Mainstream-Umgang mit sexualisierter Gewalt anbietet, kann davon ausgegangen werden, dass die Vision in dem Veriss der Definitionsmacht darin liegt, wieder zurückzukehren in die Verhältnisse, in denen Frauen aus Angst vor Repression lieber schweigen, Täter unerkannt weiter mitarbeiten können und Betroffene sich still aus den Zusammenhängen zurückziehen, wenn sie das nicht aushalten.
Darin erklärt sich auch ein weiteres wesentliches Rape-Culture-Element des Artikels. Bedauert wird:

Die Definitionsmacht treibt Menschen auseinander.

Das ist eine apersonalisierte Abwandlung von Punkt (e) in der obigen Aufzählung. Gehen wir etwa von einem sehr viel realistischeren Fall aus, dass es tatsächlich eine Grenzüberschreitung gegeben hat, plädiert diese Ansage dafür, dass Betroffene im Interesse des sozialen Friedens auf die Thematisierung von Übergriffen verzichten sollen. (Denn wieso eine einfache Thematisierung weniger Aufsehen erregt, als eine im Sinne der Definitionsmacht wird nicht erläutert.) Das Interesse der Gemeinschaft (hier die „Szene“) steht prioritär klar weit über dem Mitteilungs- und Schutzraumbedürfnis der Betroffenen.
Im patriarchalen Kontext macht diese Wahrnehmung durchaus Sinn: Da vor allem Männer sexualisierte Gewalt als Lebensrealität von Frauen (jede 7. Frau wird in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung, jede 3. macht Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, beinahe jede mit sexistischer Diffamierung) konsequent ausblenden, wird sexualisierte Gewalt immer genau dan zum Problem, wenn sie tatsächlich einmal thematisiert wird.
Die Autoren wissen um das Victim Blaming und trauen sich daher nicht, den Vorwurf der Gemeinschaftszersetzung direkt an die Betroffene zu richten, sondern zielen lieber auf das, was ihr diese Thematisierung erst ermöglicht: Die Definitionsmacht und aware Unterstützer*innen.
Die Schuld des Täters an der Zerstörung des sozialen Friedens, wird so auf den Prozess des Umgangs und der Aufarbeitung umgelenkt.

Wie so oft in autonomen Zusammenhängen haben ideologische Unstimmigkeiten, menschliche Machtstrukturen und das trügerische Gefühl, „das Richtige zu tun“, Menschen unwiderruflich zu Feinden gemacht.

Es ist also nicht der Täter und seine sexualisierte Gewalt, die Feindschaft heraufbeschwört, sondern dessen Thematisierung.

Reaktionäre Reaktionen

Der Indy-Artikel weist also aus einer antifeministischen Perspektive heraus eine ganze Palette ganz typischer Momente der Rape Culture auf. Ein guter Grund ihn von einer Internetplattform, die sich sexistischer und patriarchaler Propaganda entgegenstellt zu löschen oder wenistens für einen kollossalen Shitstorms in der Kommentar-Sektion.
Fehlanzeige.
Die Titel der ersten eingegangenen Kommentare lauten:
„Wow, sehr schöner Text“ (+),
„Unglaublicher Post!“ (+),
„Danke“(+),
„Einseitig, aber richtig“(+),
„“gerade in der Linken“?“(+),
„Endlich…..“(+),
„!“(+), „Hey Prima!“(+),
„Definitionsohnmacht“(-),
„Definitionsmacht hatte einen Grund“(-),
„Text ist Super fehlt nur was“(+),
„transformation.blogsport.de“(+)
„Es wird keine Auseinandersetzung geben…“(+)
„danke…“(+)
„Mein Feminismus sieht anders aus…“(+)
„rly?!“(-)

(+) – Kommentare beziehen sich positiv, (-) negativ auf den Artikel. Die Verteilung ist deutlich antifeministisch. Die Titel geben bereits Aufschluss über den Inhalt: Antifeministische Linke feiern in frei-wild-Manier den Tabubruch und inszenieren sich als Opfer einer überempfindlichen P.C.-Polizei:

Danke danke danke, viele denken ähnlich, was zu sagen traut sich aber schon lange kein mensch mehr

Endlich schreibt mal wer was fundiertes gegen diesen Scheiß!

Es wird deutlich, dass die eigentlich Kritik sich eben nicht gegen die Mittel der Thematisierung, sondern gegen die Thematisierung selbst richtet:

Die Frau – die angeblich durch dieses Verfahren „geschützt“ werden soll – ist durch die heraufbeschworenen Konflikte im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

und das Wohl der Gemeinschaft tonangebend ist:

Und es nutzt auch nur bloß der Gegenseite. Sicherlich kann man Schwachpunkte Einzelner herausarbeiten und diese im vertrauten Kreis diskutieren, aber gerade dieses „öffentlichmachen“ ist nichts anderes als ne Bullenstrategie der Zerschlagung. Genau so arbeiten sie, spalten, verunsichern, gegeneinander hetzen. Gerüchte und Diffamierungen, regelrechte Intrigen.

Und die schlagartige Unfähigkeit zwischen der strutkurellen Gewalt und emanzipatorischer Gegengewalt zu unterscheiden, wenn es nicht um Krieg und Kapitalismus, sondern ums Patriarchat geht:

Keine (Definitions)Macht – egal für wen!!

Definitionsmacht ist Herrschaft, denn die Definition von Wahrheit ist immer aufgeladen mit Autorität.

Es liegt nahe anzunehmen, dass es ein latentes und starkes antifeministisches Streben in der radikalen Linken gibt, die sich um Indymedia herum versammelt – für andere linke Zusammenhänge gilt das sicher ähnlich. Dass sich dieser reaktionäre Impuls gerade gegen die Definitionsmacht entlädt sagt aber vor allem etwas über den Erfolg dieses Konzepts aus. Im Gegensatz zur Eröffnungsthese des Artikels handelt es sich bei Phänomenen wie dem Aufleben der Critical Whitness und den regelmäßigen Auseinandersetzungen um Anwendungsfälle von Definitionsmacht nicht um ein Todeszucken. Vielmehr ist die verbissene Reaktion in Form des Artikels ein Beleg für die Verbreitung des Definitionsmachtgedankens und der Anerkennung der Betroffenenperspektive.
So hat die Definitionsmacht nach dem Sprung aus Frauenbewegung und FLT*-Zusammenhängen in die Besetzer- und Autonomenbewegung mittlerweile auch den Sprung in große linke Jugendverbände geschafft: So arbeiten schon seit Jahren in der Grünen Jugend und seit einem Jahr in der Linksjugend [’solid] Awareness-Gruppen nach den Prinzipien der Definitionsmacht. Der Bundesarbeitskreis Queer der Linksjugend [’solid] hat vor wenigen Wochen einen Flyer zum Thema Definitionsmacht und Zustimmungskonzept veröffentlich. Es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass das Konzept – in welcher speziellen Form auch immer – nicht weiter an Bedeutung gewinnen sollte.

Eine interessante Diskussion über die Form und Umsetzung von Defma gibt es u.a. hier.

  1. Der Verweis auf den amerikanischen Ursprung des Pfeffersprays soll hier wahrscheinlich antiamerikanische Reflexe bedienen. [zurück]